An der Frontlinie der Flüchtlingskrise

Von Elizabeth Bushell

Als ich nach Südtirol zog – in die Nähe des Brennerpasses – wurde mir unvermeidlich klar mit der Flüchtlingskrise in Berührung zu kommen. Jedoch konnte ich mir überhaupt nicht vorstellen, dass es mich so stark hineinziehen würde.

Nach einem Tagesausflug in Innsbruck befand ich mich auf dem Weg nach Hause, als ich am Brenner umsteigen musste. Der nächste Zug kam erst in einer halben Stunde. Der Schnee war knöcheltief. Also suchte ich nach einer warmen Wartemöglichkeit. Im Warteraum bemerkte ich drei italienische Soldaten. Dies war nichts außergewöhnliches; schlieβlich befand ich mich am nächstgelegenen Bahnhof zur österreichischen Grenze.

Erst beim Hinsetzen bemerkte ich zwei andere Personen. Eine muslimische Frau mit Kopftuch und ein jüngerer Mann in meinem Alter. Die Soldaten versuchten (mit dem Schwerpunkt auf versuchten), dem Paar auf Englisch Fragen zu stellen – doch vergeblich. Die beiden Reisenden verstanden nichts. Ich versuchte meinen Kopf unten zu halten, damit sie mich nicht bemerkten. Deshalb vertiefte ich meine Nase in meine Facebook-Neuigkeiten.

Nach ein paar Minuten kam einer der Soldaten zu mir herüber. Mein erster Gedanke war: „Er möchte, dass ich gehe“. Aber nein. Auf Italienisch fragte er mich, ob ich Deutsch sprechen würde. Ich sagte:“Ja“. Er fragte mich, ob ich Italienisch verstehe. Wieder sagte ich ja. Dann fragte er mich, ob ich für sie übersetzen könnte. In Hunderten von  Gesprächen und Handouts zur Vorbereitung meines Auslandsjahres wurde etwas Vergleichbares nicht geübt.

Einer der Soldaten stellte Fragen, die ich ins Deutsche übersetzte. Als die Frau auf Deutsch antwortete, übersetzte ich ihre Antworten ins Italienische, damit die Soldaten verstanden. Ich war wirklich verwundert, wie dieses Auslandsjahr meine Sprachkompetenz erweiterte.

Ich weiß nicht, woher die beiden Angesprochenen kamen, aber meine Vermutung war Syrien. Die Frau gab an, sie würde seit drei Jahren in Deutschland leben. Ihr Sohn wäre jetzt herübergekommen und sie versuche nun mit ihm nach Deutschland zurückzukehren. Weil er keinen Aufenthaltstitel im Schengen-Raum hatte, saβen beide wegen der aktuellen politischen Situation nun am Brenner fest. Beide waren mehrere Male über die Grenzen geschickt worden. Die Italiener waren bereit, sie nach Österreich zurückzuschicken. Als sie in Österreich angekommen waren, wurde ihr Sohn zu einer Befragung mitgenommen. Seine Fingerabdrücke wurden abgenommen; er wurde fotografiert und mit seiner Mutter ohne Erklärung nach Italien zurückgeschickt.

Versteht mich nicht falsch, Leute. Alle Argumente in dieser Debatte sind nachvollziehbar. Wenn wir überhaupt keine Flüchtlinge akzeptieren würden, wäre das eine Katastrophe. Eine unterlassene Hilfeleistung. Wenn wir jeder einzelnen Person, die an den europäischen Küsten angespült wird, ein Aufenthaltsrecht garantieren, lösen wir einen Goldrush aus. Hinzu kommt, dass es sehr wahrscheinlich ist, dass sich in einer Mischung aus Flüchtlingen und Einwanderern auch einige psychisch manipulierte Extremisten befinden. Jedoch erst als ich diese Frau traf, erkannte ich, wie blind ich zuvor war.

Großbritannien hat eine der am besten gesicherten Grenzen der Welt. Nicht nur wegen der Patrouillen oder den Investitionen in Grenzschutz. Wir haben Glück, weil wir eine verdammte Insel haben. Menschen können nicht einfach hinüberschwimmen! Letztendlich spielt meine eigene Meinung zur Flüchtlingskrise keine Rolle. Ich habe wahrscheinlich ein oder zwei Mäntel gespendet, aber die Situation hat mein tägliches Leben nie beeinflusst.

Das Schlimmste daran war, dass die syrische Frau und ihr Sohn so nah am Ziel waren! Von Innsbruck nach München sind es nur zwei Stunden mit dem Zug. Nur zwei Stunden. Doch jedes Mal, wenn sie in Österreich ankamen, wurden sie zurückgeschickt.

Vielleicht bin ich zu liberal oder empfindlich. Tatsache ist, wenn Großbritannien durch politische Unruhen, Krieg oder Extremismus zerrissen wäre, würde ich jeden Tag dafür beten, dass andere Länder uns helfen würden.  

Original English: https://elizabethenroute.tumblr.com/post/167835720776/coming-face-to-face-with-the-refugee-crisis-living

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